„Mein Ring sitzt seit ein paar Wochen enger, abends bekomme ich ihn kaum noch ab.“ „Der BH-Träger hinterlässt auf der Schulter einen tieferen Abdruck als früher.“ „Mein Arm fühlt sich schwer an, aber geschwollen sieht er eigentlich nicht aus.“ Diese Sätze hören wir in der Sprechstunde am häufigsten von Frauen, die ihre Brustkrebsbehandlung abgeschlossen haben. Oft ist am Arm noch keine Schwellung zu sehen. Zuerst kommt das Gefühl: Völle, Spannung, Kribbeln, ein Arm, der schneller ermüdet als früher.
In diesem Beitrag geht es um das Lymphödem am Arm nach einer Brustkrebsbehandlung: warum es entsteht, warum die frühe Phase so wichtig ist, was wir in der Praxis messen und worauf Sie im Alltag achten sollten. Einen allgemeinen Überblick, auch zu Lymphödemen an den Beinen und zur Funktion des Lymphsystems, finden Sie in unserem Beitrag über Lymphödeme und manuelle Lymphdrainage. Hier bleiben wir bei Arm und Hand nach Brustkrebs.
Vorweg: Dass Sie diese Beschwerden bemerken, ist nicht Ihre Schuld, und es bedeutet auch nicht, dass Sie etwas falsch gemacht haben. Ein Lymphödem ist eine mögliche Folge einer Behandlung, die Ihr Leben schützen sollte, und es lässt sich deutlich leichter in den Griff bekommen, wenn es früh erkannt wird.
Wie entsteht es? Achsellymphknoten und Bestrahlung
Die Lymphflüssigkeit aus Arm, Brustwand und Brust fließt zum großen Teil über die Lymphknoten in der Achselhöhle zurück in den Kreislauf. Jeder Eingriff in diesem Bereich kann den Weg verengen, den die Flüssigkeit nehmen muss.
Bei der Sentinel-Lymphknotenbiopsie werden nur der erste oder die ersten wenigen Lymphknoten entfernt. Bei der Axilladissektion wird ein größerer Teil der Achsellymphknoten entnommen. Deshalb ist das Lymphödemrisiko nach einer Sentinel-Biopsie niedriger, aber nicht null. Auch eine Bestrahlung der Achsel und ihrer Umgebung kann die Lymphgefäße mit der Zeit verengen und verhärten; kommen Operation und Bestrahlung zusammen, steigt das Risiko. Gewichtszunahme und Infektionen am Arm während der Behandlung können ebenfalls eine Rolle spielen.
Am meisten überrascht Patientinnen der Zeitpunkt. Ein Lymphödem kann kurz nach der Operation beginnen, aber auch erst Monate oder sogar Jahre später auftreten. Der Gedanke „Meine Behandlung ist drei Jahre her, jetzt passiert nichts mehr“ ist deshalb trügerisch. Manchmal gibt es einen Auslöser, etwa einen entzündeten Insektenstich, ungewohnt schwere Arbeit oder einen langen Flug. Manchmal lässt sich keine Ursache finden.
Warum die frühe Phase so wertvoll ist
Ein Lymphödem ist kein fester Zustand, sondern kann im Lauf der Zeit fortschreiten. Im frühen Stadium ist das Gewebe weich. Drückt man mit dem Finger hinein, bleibt eine Delle eine Weile bestehen, und nach einer Nacht Ruhe fühlt sich der Arm morgens deutlich besser an. In dieser Phase hat sich vor allem Flüssigkeit angesammelt, und ein Ödem im Frühstadium spricht deutlich besser auf die Behandlung an.
Bleibt die Schwellung lange unbemerkt oder unbehandelt, verändert sich das Bild. Die eiweißreiche Flüssigkeit im Gewebe führt allmählich zu einer Verdickung und Verhärtung des Bindegewebes, der sogenannten Fibrose, und das Fettgewebe nimmt zu. In diesem Stadium bleibt beim Drücken keine Delle mehr, Hochlagern und Ruhe verringern die Schwellung nicht, die Haut wird dicker. Auch ein fortgeschrittenes Lymphödem lässt sich behandeln und kontrollieren, aber der Weg ist länger und die Erfolge bleiben begrenzter.
Am meisten freuen wir uns über die Patientin, die früh kommt und sagt: „Vielleicht bin ich umsonst hier.“ Eine Messung, die sich als unnötig herausstellt, ist immer besser als eine verpasste Frühphase.

Was wir in der Praxis messen
Mit „Mein Arm fühlt sich etwas geschwollen an“ lässt sich kein Verlauf beurteilen; ein Lymphödem wird in Zahlen verfolgt. Beim ersten Termin messen wir beide Arme im Vergleich. Vom Handgelenk aufwärts nehmen wir mit dem Maßband den Umfang an festgelegten Punkten, jedes Mal an denselben, und berechnen daraus das Armvolumen. Der gesunde Arm ist dabei Ihre persönliche Referenz. Da zwischen beiden Armen oft kleine natürliche Unterschiede bestehen, zählt die Veränderung über die Zeit mehr als eine einzelne Messung.
Neben den Zahlen tasten wir das Gewebe ab: Bleibt eine Delle, ist die Haut verdickt, sind Finger und Handrücken prall, gibt es in der Achsel oder an der Brustwand Verhärtungen oder einen gespannten, strangartigen Zug? Wir dokumentieren auch die Beweglichkeit der Schulter, denn eine Bewegungseinschränkung nach der Operation beeinträchtigt sowohl den Alltag als auch den Lymphabfluss. Die gleichen Messungen wiederholen wir während der gesamten Behandlung, damit Sie und Ihre Onkologin oder Ihr Onkologe ein klares, nachvollziehbares Bild haben.
Wenn beide Arme schon vor der Operation oder kurz danach gemessen wurden, ist das ein echter Vorteil. Falls nicht, ist das kein Grund zur Sorge; die Werte vom ersten Termin werden zum Ausgangspunkt für alle weiteren Kontrollen.
Auch zu Hause können Sie einfach mitprotokollieren. Notieren Sie, wie eng derselbe Ring oder dieselbe Uhr sitzt, wie deutlich abends der Abdruck von Ärmel oder Träger ist und wie sich der Arm morgens im Vergleich zum Abend anfühlt. Diese Notizen ersetzen keine Messung, erleichtern uns aber das Gespräch darüber, was sich wann verändert hat. Wenn Sie zu Hause mit dem Maßband messen, denken Sie daran: Ohne immer denselben Messpunkt und dieselbe Tageszeit können die Zahlen täuschen.
Komplexe physikalische Entstauungstherapie: zwei Phasen
Der heute am breitesten anerkannte physiotherapeutische Ansatz beim Lymphödem ist die komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE). Sie ist keine Einzeltechnik, sondern besteht aus fünf Bausteinen, die zusammenwirken: manuelle Lymphdrainage, mehrlagige Kompressionsbandage, Kompressionsversorgung, Bewegungstherapie und Hautpflege. In unserer Praxis führen wir sie im Rahmen unserer Komplextherapie durch, individuell geplant.
Die erste Phase ist die Entstauungsphase. Manuelle Lymphdrainage erfolgt in kurzen Abständen, danach wird der Arm mit einer mehrlagigen Bandage gewickelt, deren Druck von der Hand zur Schulter hin abnimmt. Vor der Bandage haben die meisten Patientinnen den größten Respekt, doch gerade sie trägt den Erfolg jeder Sitzung in den nächsten Tag. Die manuelle Lymphdrainage ist eine sanfte, langsame und rhythmische Technik, die Flüssigkeit aus dem geschädigten Gebiet zu noch funktionierenden Lymphwegen leitet, zum Beispiel zur gegenüberliegenden Achsel oder zur Leiste derselben Seite. Sie ist keine kräftige, tiefe Massage und sollte es auch nicht sein.
Die zweite Phase ist die Erhaltungsphase. Hat der Arm ein bestimmtes Niveau erreicht, ersetzt eine nach Maß angefertigte Kompressionsversorgung die Bandage: ein Armstrumpf, bei Bedarf mit Handschuh oder Handteil. Ein Armstrumpf von der Stange passt manchmal, manchmal drückt er aber an der falschen Stelle und schiebt die Schwellung in Hand oder Ellenbogen. Deshalb gilt: Die Kompressionsversorgung sollte immer nach Maß angepasst werden, gemessen zu der Tageszeit, in der die Schwellung am geringsten ist, am besten morgens. Durch das tägliche Tragen lässt die Elastizität nach; die Versorgung muss alle paar Monate erneuert und bei Volumenänderungen neu vermessen werden. In dieser Phase zeigen wir Ihnen auch einfache Übungen zur Eigendrainage und Bewegungsübungen für zu Hause.
Bewegung, Tragen und Alltag in Antalya
Viele Jahre lang hieß es für Frauen nach einer Brustkrebsoperation: „Mit diesem Arm nichts mehr heben.“ Diese Sicht hat sich geändert. Studien zeigen, dass kontrolliertes, langsam gesteigertes Krafttraining für viele Frauen mit Lymphödem oder erhöhtem Risiko sicher sein kann. Ein Arm, der gar nicht benutzt wird, verliert Kraft, die Muskelpumpe arbeitet schwächer, und selbst Alltagsaufgaben werden anstrengend. Das heißt aber nicht, im Fitnessstudio mit schweren Gewichten anzufangen. Das Training wird individuell geplant, beginnt mit geringer Last, häufig mit angezogener Kompression, und wird unter Kontrolle der Armmaße Schritt für Schritt gesteigert. Am sichersten ist der Start in Absprache mit Ihrer Onkologin oder Ihrem Onkologen und unter therapeutischer Begleitung.
Das Leben in Antalya bringt eigene Herausforderungen mit sich. Die Hitze im Juli und August weitet die Gefäße und kann die Flüssigkeitsansammlung im Arm verstärken. Von Patientinnen, die im Tourismus arbeiten, hören wir oft, wie schwierig ein Armstrumpf unter einer engen Hoteluniform ist und wie schwer sich der Arm nach einer Schicht mit Tabletts, Wäsche oder Koffern anfühlt. Wer für eine Behandlung oder den Urlaub mit einem Langstreckenflug anreist, belastet den Arm zusätzlich durch stundenlanges Sitzen. Für den Alltag empfehlen wir:
- Cremen Sie die Haut täglich ein und schützen Sie sie vor Schnitten, Kratzern, Verbrennungen und Insektenstichen. Tragen Sie im Garten und in der Küche Handschuhe und denken Sie an Sommerabenden an Mückenschutz.
- Lassen Sie bei der Maniküre die Nagelhaut nicht schneiden; rasieren Sie die Achsel lieber elektrisch als mit der Klinge.
- Vermeiden Sie auf der betroffenen Seite enge Ringe, Uhren, Armbänder und einschnürende Kleidung; achten Sie darauf, dass der BH-Träger nicht in die Schulter drückt.
- Meiden Sie große Hitze: lange Hamam- und Saunagänge, glühend heißen Strandsand zur Mittagszeit und Sonnenbrand. Schwimmen im kühlen Meer ist dagegen oft eine gute Bewegung.
- Tragen Sie auf Langstreckenflügen Ihre Kompressionsversorgung, wenn Ärztin, Arzt oder Therapeut es empfehlen; trinken Sie ausreichend und bewegen Sie Hand und Arm regelmäßig.
- Viele Zentren empfehlen, Blutabnahmen, Zugänge und Blutdruckmessungen nach Möglichkeit am anderen Arm vorzunehmen; informieren Sie das medizinische Personal.
Wann Sie sofort ärztliche Hilfe brauchen
Manche Beschwerden gehören nicht in die Physiotherapie, sondern direkt in ärztliche Hände. Wenn eines der folgenden Zeichen auftritt, warten Sie nicht auf Ihren Termin zur Lymphdrainage:
- Rötung, Überwärmung oder Schmerzen am Arm oder an der Brustwand, zusammen mit Fieber oder Schüttelfrost. Das spricht für eine Hautinfektion wie ein Erysipel (Wundrose) oder eine Zellulitis; sie muss antibiotisch behandelt werden und kann das Lymphödem rasch verschlechtern.
- Eine Schwellung, die ohne erkennbaren Grund innerhalb weniger Tage schnell zunimmt.
- Eine schmerzhafte, pralle Schwellung mit Verfärbung an einem Arm; eine Thrombose muss ausgeschlossen werden.
- Ein neu bemerkter Knoten oder eine Verhärtung in der Achsel, an der Brustwand oder am Hals.
Während einer akuten Infektion wird keine manuelle Lymphdrainage durchgeführt und keine Bandage angelegt; wir setzen die Behandlung fort, sobald Ihre Ärztin oder Ihr Arzt zustimmt. Dasselbe gilt bei Verdacht auf eine Thrombose.

Ehrlich gesagt: eine chronische Erkrankung, die sich kontrollieren lässt
Ein Lymphödem verschwindet in den meisten Fällen nicht vollständig; es ist eine chronische Erkrankung, die sich kontrollieren lässt. In der Entstauungsphase kann das Armvolumen deutlich abnehmen, das Schweregefühl lässt nach, die Bewegung wird leichter. Diese Erfolge zu halten, hängt aber davon ab, dass Kompression, Bewegung und Hautpflege fester Teil des Alltags werden. Seien Sie vorsichtig bei Angeboten, die versprechen, dass „nach ein paar Sitzungen alles weg“ sei. Bei manchen Patientinnen mit fortgeschrittenem Lymphödem und ausgeprägter Fibrose reicht Physiotherapie allein nicht aus; dann überweisen wir Sie an die passende Fachärztin oder den passenden Facharzt, etwa um operative Möglichkeiten zu besprechen.
Physiotherapie ersetzt nicht die onkologische Nachsorge, sie begleitet sie. Nehmen Sie Ihre Kontrolltermine wahr und teilen Sie jede Veränderung am Arm Ihrer Onkologin oder Ihrem Onkologen mit. Eine unabhängige, gut verständliche Übersicht bietet die Seite Brustkrebs: Behandlung von Lymphödemen auf gesundheitsinformation.de.
Wenn nach einer Brustkrebsbehandlung Ihr Ring enger sitzt oder Ihr Arm sich schwer anfühlt und das länger als zwei Wochen anhält, können Sie gern in unsere Praxis kommen, um beide Arme vergleichend messen und untersuchen zu lassen. Bei Rötung, Überwärmung oder Fieber am Arm wenden Sie sich bitte zuerst an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.



